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Shelter Boy im Interview

Nach 2 E.P.s und großem Erfolg mit seiner Single "Tides" hat der Dresdener Newcomer Shelter Boy nun sein Debütalbum "Failure Familiar" veröffentlicht. Mit seinem Debütalbum bleibt Shelter Boy seinem stimmungsvollen und gitarrenlastigen Musikstil treu und liefert uns unter anderem mit "Calm me Down", "Absence" und "Failure Familiar" musikalischen Hochgenuss, den man sicherlich auf einem Road Trip, im Skatepark oder am gemütlichen Lagerfeuer am Strand rauf- und runterhören kann. Für "Terrace" hat Shelter Boy die norwegische Indie-Pop Band Poy Bablo mit ins Boot geholt und einen atmosphärischen Song mit einem Touch von Brit-Pop veröffentlicht, der sich durch das ganze Album zieht.


Mit gefühlvollen Lines, die zum Nachdenken anregen, versucht Shelter Boy:

"einen anderen Weg zu zeigen, verletzlich zu sein, und die Leute wissen zu lassen, dass diese Gefühle existieren und sie sich damit identifizieren können"

Im Interview habe ich natürlich mit dem Dresdener Newcomer über sein Debütalbum geredet. Wir haben nicht nur über Themen wie Verletzlichkeit und Gefühle, sondern auch über veraltete Rollenbilder gesprochen, die in den vielfältigen Lyrics seiner Songs Platz finden. Später hat er mir seine Lieblingszeile aus dem Album verraten und ein paar Musikempfehlungen mit auf den Weg gegeben. Wir haben aber auch über Festivals, Konzerte und Gänsehautmomente geredet, die wir alle sehr vermisst haben und nach so langer Zeit kaum erwarten können, wieder zu erleben.



Du hast ja vor ein paar Tagen dein neues Album "Failure Familiar "veröffentlicht. Nach 2 E.P.s war das bestimmt super aufregend und ein großer Schritt in deiner Karriere. Kannst du dein Album in drei Worten beschreiben?


divers

gitarrenlastig

bounced


Persönlich bin ich ja ein großer Fan von deinem Lied "Terrace" mit Boy Pablo. Besonders eine line ist mir im Kopf hängen geblieben: „I wanna paint the life I'd like to lead“. Wie sieht denn für dich das Leben aus, wenn du es einfach mit einem Pinsel und Farben auf eine Leinwand bringen könntest?


Das bezieht sich darauf, wie man sich das Leben in der Zukunft irgendwie vorstellen könnte. Ich würde gerne am Strand leben. Viel Türkis, viel Sonne, viel Strand. Aber leider kann ich nicht malen.


Plant ihr beiden in Zukunft noch weiterzuarbeiten?


Ist nicht geplant, aber ich hoffe einfach, dass ich bald zu ihm rüberfliegen kann. Das es jetzt wieder möglich wird. Dort haben sie auch ein sehr schönes eigenes Studio, in dem man bestimmt gut an Tracks zusammenarbeiten kann. Voll gerne, ich habe die ganz doll lieb.


In deinem Album geht es sehr viel um Verletzlichkeit. In „Absence“ singst: „Honey, I'm vulnerable“ und „I turn my absence into my fear“. Was möchtest du mit diesen lines ausdrücken? Was bedeutet „vulnerability“ für dich?


Für mich persönlich ist dieser Begriff sehr wichtig. Ich bin sehr provinziell aufgewachsen und habe Sachen erlebt, die ich früher nicht wirklich zuordnen konnte, weil ich nicht wusste, dass es nicht unbedingt so sein muss oder dass man nicht unbedingt so handeln muss, nur weil einige Mitmenschen es tun. Zum Beispiel – blöd gesagt – dass es auf Partys nur darum ging, dass man Mädchen abschleppt. Besonders wenn man damals mit Älteren rumgehangen hat, war das voll das Ding. Ich dachte immer, dass ich das unbedingt können muss, aber ich konnte es nicht und wusste nicht, wie ich damit umgehen soll. Bis man dann irgendwann älter wird und checkt, dass das absoluter Bullshit ist. Das ist einfach weird, dass überhaupt Leute so denken und jemanden einen Wert geben – das ist total eklig. Ich habe mich damit auseinandergesetzt und realisiert, dass ich super viele Fehler habe und Fehler gemacht habe, die aber das ausmachen, was ich bin.


Das müssen wir ja alle lernen, diese toxische Männlichkeit abzulegen, weil man irgendwie in dieser Gesellschaft aufwächst, in der das so normalisiert ist.


Genau. Ja, voll.


Wir können jetzt endlich wieder auf Konzerte gehen und wir alle haben sie schon einmal erlebt: Die Gänsehautmomente, die man verspürt, wenn man irgendwelche besonderen Tracks hört oder Künstlerinnen und Künstler life auf der Bühne sieht. Aber jetzt ma’ aus deiner Perspektive als Künstler gesehen: Was war der größte Gänsehautmoment für dich, als du auf der Bühne standest und welchen Song hast du gespielt?


Ich kann mich nicht mehr so gut an unsere erste Headliner Tour erinnern, weil das jetzt schon wirklich eine Weile her ist, im Januar 2020. Aber dieses Jahr war das krasseste Konzert auf dem Pangea - was ja auch eine Art Pilotfestival war. Da standen dann zum ersten Mal wieder über 1000 Menschen vor der Bühne. Und da "Atmosphere", den song of my life, zum ersten Mal life zu spielen – davon habe ich immer nur geträumt. Auch als ich "I can be sad" gespielt habe und das Publikum mitgesungen hat, war das unfassbar schön und da hatte ich auf jeden Fall krasse Gänsehaut.


Hast du eine Lieblingszeile aus deinem neuen Album?


Oh, das ist eine gute Frage. Mein Lieblingstext ist von "Failure Familiar", weil er über drei Strophen eine Geschichte erzählt und ich mir da viel Zeit für genommen habe. Das Ding ist, für mich muss nicht alles direkt einen Sinn ergeben, wenn ich es niederschreibe. Ich finde das braucht es oft nicht, denn dieser Sinn, der ergibt sich meistens für mich auch ein Jahr später erst. Dann merke ich so – ahh okey das wollte ich irgendwie sagen. Ich gehe auch einfach oft danach, was einfach so gerade rauskommt. Aber Lieblingszeile…gib mir noch ‘ne kurze Sekunde. Ich finde „do you fear the atmosphere” ist ein gutes Wortspiel.


Ja das stimmt.


Und in "Gazeback" mag ich sehr die Prechorus-Zeile. Ich bin ja ein bisschen jünger, aber trotzdem mit dieser Tumblr-Blog Zeit groß geworden, wo alle so Joy Division gehört haben, und ich dachte es wäre geil, so eine Zeile zu schreiben, die sich wie ein Tumblr Zitat anhört:


"And I like it too much

To drink too much

Why care so much

Cause life is so tough"


Die finde ich gut!


Ja sehr cool, und wenn wir gerade schon dabei sind über deine Lieder zu reden, wollte ich dich fragen: In Calm me Down singst du „These days are passing by In a rush I’m loosing my life“. Was genau möchtest du mit dieser line ausdrücken? Als ich diese Zeile gehört habe, musste ich daran denken, wie ich manchmal versuche so viel auf einmal zu machen, dass ich sozusagen vergesse zu leben. Ist das das, was du damit ausdrücken möchtest?


Ja genau, das ist ziemlich gut auf den Punkt gebracht. Wir waren vor kurzem in Manchester und dann kam das Album auch raus. Ich habe so schöne Tage dort verbracht, aber habe auch mit so vielen verschiedenen Leuten interagiert – lass das im Internet sein, bei ‘nem Konzert - und das war auch alles mega geil, aber wenn man vergisst, die Ereignisse zu reflektieren und immer nur weitermacht, dann kann das manchmal auch sehr erdrückend sein, finde ich. Aus diesem Gesichtspunkt ist der Text entstanden.

Credits: Philipp Gladsome

Was wäre der perfekte Moment, um dein Debütalbum zu hören?


Auf jeden Fall auf Platte, weil ich auch selbst gerne Platte höre, zusammen mit Freunden und sich dabei besaufen. Kennst du diese Mukke-Abende, wo man sich abends verabredet, trinkt und einfach nur Platten hört? Das fände ich Ideal.


Das hört sich auf jeden Fall nach einem sehr nicen Abend an und wenn wir gerade bei Platten sind: Wenn dein Plattenspieler für immer nur noch eine Platte spielen könnte, welche würdest du wählen?


Revolver von den Beatles


Was sind deine aktuellen drei Lieblingssongs?


Also, einen Indie-Klassiker höre ich zurzeit wieder rauf und runter. Den finde ich einfach nur krass. "Walking on a Dream" von Empire Of The Sun - das ist der perfekte Indie-Song. Ich war früher immer großer Maccabees-Fan, war auch bei ihrem letzten Konzert in England, und der Sänger Orlando Weeks bringt immer noch weiter Musik raus. Sein neuer Song "Deep Down Way Out" ist ein grandioser Track. Auch übelst viel am Hören von The Police "De Do Do Do, De Da Da Da"


Ja cool! Ich kennen tatsächlich zwei von denen nicht. Ich werde da auf jeden Fall 'mal reinhören. Ich finde es auch super cool, wie enthusiastisch du über Musik redest.


Ja! Ich bin auch übelst der Mukke-Fan. Deswegen kann man auch viele Referenzen auf der Platte finden, weil ich auch einfach selber sehr sehr viel Mukke pumpe.


Jetzt kommen wir mal zu einer ganz anderen Frage. Ich bin ein großer Fan von Musikvideos! Was ist deiner Meinung nach das beste Musikvideo, was je gedreht wurde?


Insgesamt? Lass mich überlegen. Das ist hart, weil ich einfach zu viel nicht kenne. Alle Tyler Videos finde ich krass ästhetisch. Von ASAP Rocky gibt es auch ein Video mit so einem Schmetterling in Paris – das ist mega sick. Wenn ich aber danach gehe, was mich damals am meisten geflashed hat, war das das Odd Future Earl Sweatshirt-Video, als gerade Odd-Future groß geworden ist, wo sie sich einen Drogencocktail reinhauen und durch die Straßen laufen. Es war alles gefaked, aber es hat damals so Wellen geschlagen. Der Song heißt…ich weiß es nicht, lass mich kurz nachgucken. Kennst du Odd Future Earl Sweatshirt?


Ne, kenne ich leider nicht.


Ohhh, musst du dir unbedingt reinziehen. Der Song ist von Earl Sweatshirt und heißt "Earl". Das Video ist auch wirklich ein bisschen eklig, aber das war gerade die Zeit, als Tyler, the Creator groß geworden ist.

Credits: Philipp Gladsome

Auf einem deiner Instagram-Bilder habe ich gesehen, dass du ca. 6 Gitarren hast oder mehr, wenn ich mich jetzt nicht verzählt habe. Das ist ja auch ein großer Teil deiner Musik. Wann hast du angefangen, Gitarre zu spielen?

Ich habe mit 11 eine Gitarre zu Weihnachten bekommen, weil der Vater meines besten Kumpels damals Gitarre gespielt hat. Die stand dann aber erstmal 2 Jahre nur rum, bis dann ein anderer Kumpel angefangen hat, Gitarre zu spielen, seine Mutter war Musiklehrerin, und irgendwie wollte ich einfach besser sein als er. Seitdem spiele ich Gitarre.

Das ja echt eine coole Story. Was war denn der ungewöhnlichste Ort, an den du deine Gitarre je hingebracht hast?


Wir haben BR Startrampe gedreht und da haben wir unterhalb der Zugspitze gespielt.


Wow, das ist wirklich ein sehr spezieller Ort, aber war es nicht auch irgendwie kalt?


Ne, ne. Es war total schönes Wetter. Es ist eine sehr coole Session geworden.


Also direkt auf der Zugspitze?


Ne, schon auf so einer Alm unterhalb der Zugspitze, aber wirklich in diesem Gebirgskomplex.


Ich habe auch auf ein paar deiner Bilder gesehen, dass du so Collagen gemacht hast und so ein wenig künstlerisch unterwegs bist. Kannst du mir dazu ein wenig sagen?


Ich habe das ewig nicht mehr gemacht, weil mir fehlt im Moment die Zeit und Motivation. Aber ich habe das damals angefangen, als meine damalige Freundin sich für ein Kunststudium beworben hatte und dafür eine Collage einreichen musste. Ich kann auch wie gesagt nicht zeichnen, aber als ich das gesehen hatte, dachte ich mir, dass ich es auch 'mal ausprobieren kann. Es hat mir auch irgendwie Spaß gemacht und seitdem habe ich das dann immer wieder gemacht. Jetzt hab ich auch 'n Haufen Zeitungen zu Hause liegen, die super viel Platz wegnehmen. Ja, ich muss das 'mal wieder machen. Aber ich mach das eigentlich nur, wenn ich nicht weiß, was ich mit der Musik machen will.


Und jetzt kommen wir zur Schnellfrage-Runde:


Konzerte oder Festivals?

Festivals

Guilty Pleasure?

Also, es gibt‘s nicht. Was für alle ein Guilty Pleasure wäre: Die ersten Coldplay-Platten.

Spotify oder Platte?

Platte

Bar oder Club?

Bar

Wer wäre deine Traum Kollaboration?

Lloyd Carter Was war der beste Live-Auftritt, den du je gesehen hast?

BadBadNotGood auf dem Melt Festival 2018

Credits: Philipp Gladsome

Mit seinem Debütalbum liefert uns Shelter Boy gefühlvolle und zum Nachdenken anregende Lines, die von stimmungsvollen und atmosphärischen Beats untermalt werden. Die Gitarre ist und bleibt ein wichtiger Bestandteil seines Musikstils. Wir werden definitiv noch einiges vom dem Dresdener Newcomer hören und können uns auf weitere Tracks freuen, die nicht nur durch ihren rhythmischen Klang, sondern auch durch ihre ausdrucksvollen und tiefgründigen Lyrics bewegen.