• Jule Detlefsen

Search Yiu im Interview

Vor circa einem Monat veröffentlichte Search Yiu sein Album SY. Die Review zu dem lobenswerten Release findet ihr hier auf Flutwelle.


Ich durfte den Musiker zum Interview treffen. Virtuell versteht sich. Er war gerade in seiner Heimat, um ein bisschen zu entspannen nach dem aufregenden Album-Release. Wie passend, dass wir über seine Erfahrungen mit dem Landleben gesprochen haben, warum er doch ausbrechen musste und weshalb er ein eigenes Haus vielleicht gar nicht so schlecht findet.

Natürlich haben wir auch über das Hauptthema des Albums gesprochen: Mental Health.

Zum Schluss hat Search Yiu bzw. Sören, wie der Musiker eigentlich heißt, noch ein paar gute Musiktipps auf Lager, allerdings erst nachdem er sein Spotify öffnete.

Der Release deines Albums ist jetzt genau ein Monat her, wie hast du den letzten Monat für dich empfunden?


War krass. Die meisten Interviews habe ich in der Woche vor dem Release gemacht. Das war das erste Mal, dass ich das mit einer Promo-Agentur gemacht habe. 20 Interviews in einer Woche. War voll nice, freut mich voll, wenn sich so viele dafür interessieren.

Nach einer Woche nur über Mental Health reden, war ich aber auch erst mal ziemlich erschöpft. Musste dann erst mal wieder ein bisschen entspannen, aber das hat gut geklappt.

Es ist viel passiert, crazy. Ich bin auf jeden Fall sehr happy damit.


Jetzt machen wir schon wieder Mucke, in ein paar wenigen Wochen kommt schon wieder ein neuer Song.


Du hast ja echt einen Interviewmarathon hinter dir, was war bist jetzt deine Lieblingsfrage?


Sowas zum Entstehungsprozess fand ich schon mal ganz nice oder wenn auf Songs speziell eingegangen wurde und irgendwelche Song-Lyrics oder irgendwelche Parts. Das fand ich immer ganz cool oder auch immer mal gerne so Fragen, die gar nix damit zu tun haben. Keine Ahnung, Leute wissen zum Beispiel, dass ich großer Kardashian-Fan bin. Deshalb kam auch ein paarmal Fragen zu den Kardashians, das war auch immer ganz funny.


Dein Album hast du ja schon vor Corona größtenteils aufgenommen. Glaubst du, du hättest andere Themen besungen, wenn die Konzeption des Albums ein Jahr später begonnen hätte?


Ne, glaube ich nicht. Ich will, ich will keine Corona-Songs machen. Ich wünsche, dass das bald vorbei ist und dass die Songs auch danach noch funktionieren.

Aber natürlich ist es Mental-Health-mäßig eh für alle schwieriger, wenn man so gezwungen ist, mehr oder weniger daheimzusitzen, um sich gegenseitig zu schützen. Ich finde aber sehr gut, dass wir das machen.

Deshalb glaube ich aber nicht, dass es thematisch irgendwie anders geworden wäre. Kann ich mir nicht vorstellen.


Ich musste total grinsen beim Hören deines Podcasts zum Album, als du mit Drangsal über eure Zeiten in Landau und Umgebung geredet habt. Hörte sich eigentlich alles ganz lustig an, warum bist du dann doch weg?


Weil ich angefangen habe, Mucke zu machen und ein anders Mindset bekommen habe. Einfach was anderes sehen wollte. In eine offenere Stadt ziehen und ein bisschen mehr erleben können. Man Kann hier ja nicht so viel machen, gerade was das Kulturleben angeht. Irgendwie dachte ich, dass ich wegziehen muss. Ich dachte auch, dass es Mental-Health-mäßig alles besser wird, wenn ich wegziehe. Habe natürlich gemerkt, dass es nicht die Lösung ist.

Ich hatte Bock auf Großstadt. Ich war zuerst in Leipzig, das hat sich aber noch relativ klein angefühlt. Zumindest die Musikszene und die Junge-Leute-Szene. Dann sind wir auch relativ schnell nach Berlin gezogen.


Ist als Musiker dann auch einfach der logische Schritt oder?


Ja, dass macht echt vieles einfacher. Vor allem Meetings gehen viel einfacher und schneller. Das Netzwerk breitet sich auch mega schnell aus. Ich habe auf einmal so viele Leute aus der Musikszene kennengelernt und habe auch in der Musikindustrie gearbeitet bzw. mache das immer noch. Man ist einfach viel schneller vernetzt.


Du hast im Podcast und in Interviews erzählt, dass du das Landleben gar nicht so doof findest. Ein Haus am Rand der Stadt könnest du dir also vorstellen?


Ja voll, ich glaube, die Mischung machst.


Hattest du mal eine größere Anti-Haltung gegenüber dem Landleben?


Auf jeden Fall. Auf jeden Fall auch so gegen Leute, die hier geblieben sind, die ich von früher noch kenne. Wo man denn so ein bisschen anti ist und man dann aber später gemerkt hat, dass es totaler Quatsch ist. Weil die das denn irgendwie doch cool finden, was man macht. Ich dachte, alle finden das scheiße, was ich mache. Wie das halt so ist, wenn man jung ist. Aber letztendlich fanden, dass alle irgendwie auch cool und man hat sich gegenseitig respektiert. Deshalb bin ich da mittlerweile schon viel entspannter.

Wie gehst du damit um, wenn sich Leute um dich rum für einen konservativeren Lebensweg entscheiden, indem Sinne: Familie gründen, Haus bauen etc. Wie gehst du damit um?


Ich finde das cool! Wenn das der Lebensstil ist, den man leben will, dann finde ich das super nice. Die Leute die noch hier sind, sind ja auch super happy drüber. Deshalb finde ich das sehr schön, besonders wenn Leute im Umkreis irgendwie Kinder kriegen. Kann ich für mich zwar noch nicht vorstellen, aber finde es trotzdem schön und beeindruckend.


In "Denk" geht es um toxische Männlichkeit. Sehr wichtig, dass du als Mann das thematisierst. Hast du Charakterzüge die noch toxisch veranlagt sind? Wie gehst du damit um?

Ich denke schon, dass es immer mal wieder vorkommen kann. Ich gebe natürlich mein Bestes, dass es nicht so ist, aber natürlich gibt es immer mal wieder so kurze Gedankengänge, die man hat. Wo ich mich dann selbst erwische und denke: „Fuck, man“. Einfach dumm, dass die überhaupt in den Kopf kommen. Ja, also ich würde nicht behaupten, dass ich komplett davon befreit bin, da so viel aus der Gesellschaft im Kopf noch verankert ist, aber ich gebe mein Bestes, dass es nicht passiert. Ich lasse mich auch gerne immer drauf hinweisen, wenn ich mal wirklich etwas Dummes sagen sollte. Das Wichtigste ist einfach nur zuhören und lernen.


In eurem Podcast "Mental Mall" mit Mia Morgan wollt ihr Mental Health normalisieren und enttabuisieren. Gab es für dich einen Moment, indem du gemerkt hast, dass man offen darüber reden kann?


Ich hatte so einen ersten eigenen Podcast, den habe ich damals so "just for fun" gemacht habe und in einer Folge war Mia zu Gast. Der Podcast hieß „Kein Thema“, weil es eben kein Thema gab. Irgendwann sind wir auf dieses Thema gekommen: Therapie und Mental Health. Ich glaube, wir haben drei Stunden geredet und das Feedback darauf war irgendwie voll schön und dann haben mir richtig viele Leute geschrieben, dass die es voll gut finden, dass wir da offen drüber reden. Dann habe ich das Mia geschickt, was die Leute schreiben und irgendwann hab ich sie gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, dass wir so was als Podcast zusammen machen und sie hatte direkt auch voll Bock. Das war so der Moment, wo ich gemerkt habe, dass da Bedarf ist, dass solche Themen besprochen werden.


Dein Album steht unter dem Motto „Self Care“. Self Care während der Pandemie ist super wichtig. Was machst du, wenn du in diesen Zeiten Weltschmerz empfindest?

Musik, sehr viel wieder. Zum Glück. Ich habe immer so Phasen, ich mache mal viel Musik, dann mache ich ein paar Monate fast gar nichts. Aber da jetzt schon ein paar Monate rum sind, seitdem wir das Album zusammen gemacht haben, habe ich wieder viel Output. Das hilft mir auf jeden Fall und dann bin ich seit Langem mal wieder in einer Beziehung, die mir sehr viel gibt. Das hilft mir auf jeden Fall auch.


Bei Flutwelle werden ja hauptsächlich Künstlerinnen gefeaturet, weil die in großen Musikmagazinen ja noch ziemlich unterrepräsentiert sind. Fallen dir spontan Künstlerinnen ein, die gerade zu wenig Aufmerksamkeit bekommen?


(Überlegt) Immer wenn ich nach Artists gefragt werde, fällt mir immer niemand ein. Egal ob männlich oder weiblich. Ich muss erst mal Spotify öffnen, um zu sehen, was ich so höre.

Ich find Nina Chuba macht gute Musik. Die ist auch irgendwie voll erfolgreich. Ich weiß gar nicht, wie präsent die so in den deutschen Medien ist. Habe das Gefühl, nicht so arg, weil sie Englisch singt. Da haben deutschen Medien ja leider immer mal ein Problem, wenn es nicht auf Deutsch ist.

Ebow höre ich gerne, aber die wird ja auch viel gehört. Von Mia durfte ich die neuen Sachen hören, die jetzt noch nicht draußen sind. Die habe ich gestern gehört und die sind heftig gut, das wird richtig richtig nice.

Ich glaube, Nina Chuba und Ebow habe ich die letzten Zeit am meisten gehört. Zumindest wenn ich mir mein Spotify so anschaue.


Findest du es gerade schwer, neue Musik zu finden, weil man so einen eintönigen Alltag hat oder konsumiert du deshalb gerade viel neue Musik?


In letzter Zeit muss ich gestehen, höre ich eher ältere Sachen wieder. Seit Album Release bin ich gar nicht so Up to date. Normal mache ich das sehr gerne und höre auch jeden Freitag gerne die neuen Releases. War jetzt die letzten Wochen ein bisschen weniger, einfach weil ich ein bisschen entspannt habe.


Auf welchen Song freust du dich am meisten live mit Publikum zu spielen?


Live mag ich glaub ich am meisten sehr ruhige und sehr laute Songs. Deshalb wahrscheinlich „Werden wie du" und „Leer“. „Leer“ könnte ballern.


Noch eine Schätzfrage zum Ende: An welchem Datum wirst du wieder auf einer Bühne stehen mit Publikum in einem kleinen verrauchten Club?


Oh Gott. Also dieses Jahr auf keinen Fall,… ich will nicht zu pessimistisch sein. Vielleicht Sommer 2022. Also so kurz vor Sommer. Ich mache nicht so gerne Prognosen, was das angeht, weil es letztendlich denn doch immer scheitert.


Wir können ja nächstes Jahr gucken. Wie weit entfernt das von der Realität war.


Ob Search Yiu mit seiner Prognose recht behalten soll, wissen wir noch nicht. Zu wünschen wäre es. Denn ein Live Konzert mit ihm hört sich ziemlich gut an. Von ruhigen Songs bis zur wilden Trap-Beats bedingt Search Yiu ein ganzes Spektrum an Sounds. Ein Konzert könnte also die gesamte Gefühlslandschaft bedienen.


Es ist das Gesamtpaket was Search Yiu ausmacht. Die intimen und offenen Zeilen seiner Musik und einfühlsame Persönlichkeit des Musikers. Search Yiu lässt einen mit einem guten Gefühl zurück, trotz schweren Themen.