• Jule Detlefsen

Mia Morgan im Interview

Mia Morgan kommt aus dem Internet. Das spürt man in jeder Zeile ihres ersten Albums. Geprägt von popkulturellen Referenzen und Hyperpop Beats à la Marina oder Charli XCX liefert uns ihr Debütalbum "Fleisch" die verschiedensten Facetten des Frauseins und schafft es so ein Abbild von weiblicher Komplexität zu zeigen, das in dieser expliziten Form in der deutschen Musiklandschaft neu ist.


Kurz vor dem Release ihres Debütalbums durfte ich Mia Morgan zum Interview treffen. Im Interview haben wir über Lady Gagas VMA Perfomance 2009, über die kleinen Vorteile und die großen Nachteile, eine Frau zu sein, über weibliches Begehren und den wohl besten One Direction Song aller Zeiten gesprochen. Dabei fühlte sich es immer ein bisschen so an, als hätte Mia Morgan die Worte für all die Gefühle, die beim Frausein inklusive sind und man selbst jedoch nie richtig einordnen konnte.


Gibt es eine Live-Performance von einem Artist, die du dir auch wünscht?

Jein, ich spiele natürlich in einem ganz anderen Rahmen und mache ganz andere Musik als ne Lady Gaga mit einer 2009er Performance von „Paparazzi“ bei den VMAs. Als sie da angefangen hat, aus der Mitte zu bluten. Oder wie ne Miley Cyrus, die „Rebel Yell“ mit Billy Idol covert auf dem iHeartRadio Music Festival. Ich guck mir sowas eher zur Unterhaltung an. Ich versuche mich gar nicht so krass darauf festzulegen, was live passieren soll, sondern gucke einfach, was natürlich passiert. Als relativ kleine Künstlerin habe ich nicht so viel Publikum und bin auf gewisse finanzielle Mittel und auf andere Grenzen, die man so hat, beschränkt. Daher kann ich natürlich nicht so eine Liveshow spielen, wie ich sie gerne spielen würde.

Ja, das kommt noch.

Ja, ich kann halt niemals ein K-Pop-Konzert spielen.. aber das wäre schon geil mit so vielen LEDs, wo mein Gesicht drauf ist.

Oder ein paar gute Background Tänzer:innen.

Ja! Aber wir machen im Rahmen des Möglichen das Beste draus. Ich bin da sehr confident mit.

Das Album ist nach dem gleichnamigen Song „Fleisch“ benannt. Magst du einmal erzählen, was der Song konkret für dich bedeutet?

Der Song erzählt die Geschichte von einer Mädchenfreundschaft, die sehr anstrengend ist. Toxisch, der Begriff wird immer sehr leichtfertig benutzt, aber ich glaube, da trifft es schon zu, so retrospektiv in meine Jugend blickend. Das Gefühl, dass man in einer anderen Person eine Erweiterung des Selbst gefunden hat, die sich aber beizeiten auch anfühlt wie ein Tumor, den man sich rausreißen will. Weil das immer mit einer großen Verantwortung kommt, wenn man sich so krass auf eine andere Person einlässt. Die Intimität in einer engen Freundschaft zwischen zwei jungen Mädchen übersteigt vielleicht noch die, die man mit einem potenziellen Partner in dem Alter hat. Weil man nochmal auf einer ganz anderen Ebene miteinander interagiert. Gerade als Frau hat man ja oft das Gefühl, man teilt mit anderen Frauen ein Geheimnis. Dieses Geheimnis ist: Wie fühlt es sich an in einer Welt, die Männern dient, in der Männer privilegiert werden, durch den Alltag zu navigieren? Das fängt an mit Kleinigkeiten, wie: Man kann nicht alleine nachts nach Hause. Bis hin zu: Du musst auf deinen Drink aufpassen und du wirst von allen Ecken anders beurteilt. Am Arbeitsplatz, in der Uni und das fängt schon in der Schule und im Kindergarten an. Diese kleinen mirco doses of trauma, die dafür sorgen, dass Mädchen noch mal anders untereinander bonden als Jungs. Das kann beizeiten eben auch sehr gefährlich werden, wenn man sich so nah ist, ohne dass man sich wirklich richtig kennt. Besungene Freundin, das ist eine Erfahrung, die ich auch so gemacht habe - ich war nie bei ihr zu Hause. Ich weiß bis heute nicht, wie ihr Zimmer ausgesehen hat. Auf eine Art war man sich ganz nah, aber auf eine andere Art kannte man sich auch überhaupt nicht. So ein bisschen wie bei 13, der Film. Der passt auch ganz gut zu dem Song.

Diese Alterspanne von 12 bis 17 als Mädchen ist auch ziemlich belastend. Man weiß selbst nicht, wer man ist und dann hat man irgendwelche engen Beziehungen zu Leuten, die auch nicht wissen, wer sie sind.

In deinem Song „Segen“ geht es ja auch um die vielen Facetten des Frauseins. Ich finde es total spannend, wie du dein Frausein gestaltest. Du hast oder du wirkst, als hättest du gar keine Angst, weich zu sein. Was ich total beneidenswert finde, besonders in der Musikbranche, wo es natürlich viele, viele Männer gibt. Ich neige oft dazu, Männer zu imitieren oder das Mannsein zu imitieren, um ernst genommen zu werden. Fällt es dir auch manchmal schwer, weich zu sein?

Eigentlich nicht. Wenn mir daran was schwerfällt, dann ist es eher Reue, die danach eintritt. Es liegt sehr doll, in meiner Natur, sehr weich und emotional zu sein. Ich mache ungern Umstände und wenn ich so weich bin und mit meiner Emotionalität dafür sorge, dass ich Umstände mache oder Leute in unangenehme Situationen bringe, dann kommt halt manchmal so eine ganz krasse Reue. Ich habe manchmal Reue, mich verletzlich gezeigt zu haben. Die resultiert nicht darin, dass ich es lasse. Aber sie kommt halt schon vor. Das ist ein scheiß Gefühl, wenn man sich offenlegt, was preisgibt oder sich mitteilt und man kriegt nicht die emotionale response, die man sich erhofft hat.

Das kommt wahrscheinlich auch daher, dass Frauen sowieso nicht so gerne viel Platz einnehmen, und in dem Moment nimmst du diesen ja - berichtigter Weise - ein.

Ja, das stimmt.

Wenn du eine Tochter hättest, die vielleicht auch in die Musikbranche will oder in eine andere männerdominierte Branche. Was würdest du ihr mit auf den Weg geben wollen?


Auf jeden Fall will ich ihr all die Hilfe, die ich ihr bieten kann, geben. Ich gehe mal davon aus, wenn ich ein Kind hätte, würde ich das sehr, sehr, sehr, sehr doll lieben und jemanden, den man liebt, will man vor Unannehmlichkeiten bewahren. Das heißt, wenn meine Tochter mir sagen würde: Mama, ich will Musikerin werden, ich will Künstlerin werden, ich will selbstständig werden. Dann wäre natürlich mein erster Gedanke: Das, was ich durchmache, will ich nicht meiner Tochter antun.

Es macht alles Spaß, ich liebe das, ich will nichts anderes in der Welt, aber es geht eben auch einher mit unglaublich viel Unsicherheit und Angst. Es geht damit einher, dass man beurteilt wird für das, was man macht. Als Frau nochmal ganz anders als Mann und das ist schon als Mann anstrengend genug, selbstständig und Künstler zu sein. Ich will das gar nicht so darstellen, als ob das für Männer easy wäre. Das ist easy für Männer, die bei einer Versicherung arbeiten, aber für Musiker ist es auch nicht leicht, vor allem nicht nach zwei Jahren Pandemie. Ganz viele meiner Freunde haben ja die gleichen Probleme und als Frau kommt halt noch diese Komponente dazu, dass du immer als Frau agierst. Dann wird man nochmal doppelt beurteilt. Das ist nochmal ein anderer Maßstab.


Aber ich würde ihr da nicht im Weg stehen wollen. Ich würde versuchen, ihr Mut und Kraft mitzugeben und auch das Gefühl mitzugeben, dass das, was sie schon ist - bevor Einwirkungen von außen dazukommen - dass das schon reicht. Dass sie genug ist und dass das schon gut ist. Und wenn sich eine Person für ihre Musik interessiert und sie das selber ist, dann ist es genauso gut, als wenn sich 100.000 Leute für ihre Musik interessieren. Dass das auch mit Prozedere zu tun hat, die absolut nichts mit der Qualität ihrer Kunst zu tun haben, sondern einfach mit dem Markt, mit Zufall, mit Glück, mit Geld. Das würde ich versuchen, ihr klarzumachen. Ich würde auch versuchen... und das kann man ja natürlich nie, weil ich bin mir ziemlich sicher, wenn das ginge, hätte meine Mama das auch gemacht... sie davor zu beschützen, in eine Situation zu kommen, wo sie sich selber nicht mehr mag. Wo sie sich selber nicht gut findet, wo sie sich selber nicht schön findet, wo sie das Gefühl hat, sie stimmt so nicht. Ich weiß halt nicht, inwiefern man da als Mama Einfluss hat, und ich weiß nicht, ob ich es jemals erfahren werde.

Total schön, aber auch eben voll schwierig. Weil Schönheit ja immer noch das Maß aller Dinge für Frauen und Mädchen ist. Ich will viel lieber schön als schlau sein. Das ist immer noch so in mir drin.

Ja klar, same. Das war auch für mich ursprünglich der Grund, weswegen ich eine Essstörung bekommen habe. Weil ich gedacht habe: Ich bin witzig, ich kann singen, ich kann schreiben, ich bin cool, ich bin schlau, aber ich bin hässlich, ich bin fett, ich bin ein flaw als Person.

Wenn ich jetzt noch schön und schlank wäre, dann wäre ich der perfekte Mensch, dann würde mir die Welt zu Füßen liegen. Aber es ist halt einfach nicht so. Pretty privilege existiert, aber es ist ja auch noch mal sehr begrenzt, weil als schöne Frau bist du ja auch immer noch nur eine Frau.

In deinem Song „Haustier im Hotel“ geht es um das Groupie Dasein. Das Fangirl Dasein wird ja im Gegensatz zu anderen Fandoms ziemlich schlecht bewertet oder sogar belächelt. Warum glaubst du ist das so? Warum wird es nicht ernst genommen?

Weil weibliches Begehren per se einfach krass unter den Teppich gekehrt wird. Fangirl sein hat ja oft auch die Komponente von: Man schwärmt für eine Person, man stellt eine Person auf ein Podest. Wenn man nach diesem klassischen Boyband-Prinzip geht, dann sind die meisten Männer, die da angehimmelt werden, für den Durchschnittsmann uncool und es sind keine „richtigen Männer“. Das ist ja auch gerade auf TikTok so ein Ding mit: What men think the female gaze is and what the female gaze really is. Das hat sehr mit mir resoniert, weil das ja oft so unthreatening boys sind. Im K-Pop zum Beispiel, die sehen alle so lieb aus, aber die sind auch cool und die sehen auch hot aus. Ich finde es immer scheiße, dass denen dann die Männlichkeit abgesprochen wird. Jetzt mal ganz von so homophoben Sachen abgesehen, die da abgehen. Dass ein Typ, der sich schminkt, automatisch dann schwul ist. Und selbst wenn...! Das wird ja immer ein bisschen als Gegenargument benutzt. Wenn man ein junges Mädchen ist und nur umgeben von rülpsenden und grölenden Fußballfans, die sich auf dem Schulhof gegenseitig den Kopf einkloppen und überhaupt nichts über Frauen wissen und sich auch gar nicht damit auseinandersetzen wollen. Dann ist das so eine Zuflucht. Ich glaube, dass sich Männer davon einerseits ein bisschen bedroht fühlen, weil das so ein Männerbild darstellt, welches sie verurteilen müssen, weil sie es nicht anders kennen. Aber vielleicht wären sie auch glücklicher, wenn sie sich ein bisschen mehr so geben würden. Andererseits wird es auch einfach belächelt, weil alles, was mit weiblichem Verlangen und weiblichem Begehren zu tun hat, belächelt wird. Wir sind ja Gott sei Dank in einer Zeit, wo wir im Nachmittagsprogramm Werbung für Sextoys haben. Das ist alles super toll und so, aber das muss dann auch immer so gagig sein. So uuuh, hier sind meine pastellfarbenen Sextoys, die überhaupt nicht wie Sextoys aussehen, damit es irgendwie aesthetic ist. Und überhaupt nichts daran erinnert, dass weibliches Begehren nicht dieses zuckersüße Me-Time, ich leg mit zwei Gurkenscheiben aufs Gesicht und halt mir einen Satisfyer unten hin ist. Sondern dass es auch manchmal einfach Schleim und Blut und Haare und Fett und eklig und Geilheit ist. Wenn junge Mädchen so ein Star anhimmeln, dann ist es immer so: Ach ja, Maus, träume mal schön davon, dass du jemanden kriegst, der deine Gefühle berücksichtigt, der einfühlsam ist und in touch mit seiner femininen Seite. In 20 Jahren musst du für jemanden betteln, der sich nicht dafür interessiert, ob du kommst oder nicht.

Oh man.

Ja, ist jetzt hart gesagt, aber... wenn ich mir überlege, die Leute, auf die man gecrusht hat vs. die Leute, die man in seiner cooleren Phase so gedatet hat. Diese Diskrepanz mit was man sich zufriedengibt.

Das ist so schade, dass es so runtergezogen wird, wenn sich Mädchen für Musik interessieren, mal abgesehen davon, ob sie nun gut oder schlecht ist. Obwohl One Direction - nur Banger.

Alter ja, „Where Do Broken Hearts Go“ ist einfach der beste Song aller Zeiten.

Ich habe mir vor Kurzem noch das ganze Album „Four“ angehört, grandios.

„Four“ ist so geil. Das ist krank.

Du singst „wär‘ ich als Teenager cooler gewesen, wär ich vor, die jetzt nicht halb so verlegen“ - Bist du im Nachhinein froh, dass du als Teenager vielleicht gar nicht so cool warst?

Ja voll. Ich bin richtig richtig froh darüber, weil es einen einfach dazu zwingt, sich weiterzuentwickeln und weiterzumachen und Sachen auszuprobieren und sich nicht zufriedenzugeben.


Auch wenn es vielleicht früher leichter oder einfacher gewesen wäre, cool zu sein, sind die meisten Kinder des Internets nun wohl doch die insgesamt cooleren und spannerenden Menschen geworden und tief im Herzen ist es doch eigentlich ganz charmant, ein bisschen uncool zu sein.

Auch wenn sie es selbst wahrscheinlich nie zugeben würde, ist Mia Morgan trotz jugendlicher Unsicherheiten eine der absolut coolsten Musikerinnen, die mir bis jetzt über den Weg gelaufen sind.