• Dominik Kotzur

KUOKO im Interview

"Never be The Perfect Girl that you want me to be, I am too Busy unlearning the shit that you taught mE"

Mit ihrer neuesten Single "Perfect Girl" liefert uns KUOKO einen stimmungsvollen Indie-Electro Hit mit tiefer politischer Message.


Im Zoom-Interview haben wir über ihr Debüt-Album "KUOKO" geredet, das dieses Jahr veröffentlicht werden soll. Sie hat mir einen Einblick in die einzigartigen und vielfältigen Songs gegeben, die von Themen wie Menschlichkeit, Identität und Empowerment bis zu Konsum und Minimalismus reichen. Ich habe KUOKO auch gefragt, welchen Herausforderungen sie sich als eine asiatische Künstlerin in unserer Gesellschaft und der Musikbranche stellen muss.


Eins wird schnell klar, während des Interviews: KUOKO liegen wichtige, aber auch schwere Themen auf dem Herzen, die auf den ersten Blick erdrückend wirken können. Doch in ihren Songs gibt sie ihnen Raum und zeigt uns ihre Perspektive auf die Welt. Alles eingebettet in feinsten elektronischen Sound.

Beschreibe deine neue Single "Perfect Girl" in 3 Worten:

- Empowerment

- Gesellschaftsdruck

- Verzerrtes Frauenbild

Du singst “never be the perfect girl that you want me to be, I am too busy unlearning the shit that you taught me?”. Was möchtest besonders du mit dieser line ausdrücken?

Ich hatte in den letzten Jahren viele Erkenntnisse darüber, wie ich mich eigentlich verhalte und warum. Mir war gar nicht klar, wie beeinflusst ich von der Gesellschaft und den Erwartungen bin, die man als Frau gestellt bekommt. Ein Beispiel wäre zum Beispiel Höflichkeit: Von Frauen wird erwartet, dass sie höflich und rücksichtsvoll sind. Wir fühlen uns sehr schnell schuldig, wenn wir das nicht erfüllen. Für mich geht es um diesen Prozess, gerade diese Dinge zu erkennen und zu dekonstruieren. Und das drückt für mich dieser Begriff "unlearning" so gut aus. Ich mag auch diesen Begriff "unlearning" sehr. Ich habe das Gefühl, im Laufe des Lebens erkennen wir toxische Verhaltensmuster bei uns selber, die wir versuchen, wieder zu verlernen. Das Verlernen ist sehr schwer, aber auch sehr wichtig.

Hast das Gefühl, dass an Frauen in der Musikbranche höhere Erwartungen gestellt werden als an Männer?

Ja. In Bezug darauf, wie wir aussehen und uns repräsentieren total. Da werden wir super durchleuchtet und infrage gestellt. Das sehe ich bei Männern im Gegensatz dazu nicht so.

Als viet-deutsche Künstlerin, welchen Vorurteilen und Herausforderungen musstest du dich in einer überwiegend weiß und männlich dominierten Industrie stellen?


Ja, ich habe ein bisschen das Gefühl, das ist so eine doppelte Kombi. Eine Frau sowieso und dann zusätzlich noch eine asiatische Frau in der Musikbranche zu sein. Ich habe auch manchmal die Befürchtung, dadurch unterschätzt zu werden. Darüber habe ich auch tatsächlich einen Song geschrieben, den du wahrscheinlich noch nicht gehört hast, der jetzt aber fertig ist und auch auf mein neues Album kommt. Der heißt "Yellow Fever Gaze". Das ist diese Fetischisierung asiatischer Frauen und dieses Reduziertwerden, als wäre man eine Art von Kategorie. Dieser Song setzt sich ganz explizit damit auseinander. Auf dem Album geht es für mich grundsätzlich viel um die Frage oder das Bedürfnis gesehen zu werden als Mensch. Dieses "Yellow Fever Phänomen" ist genau wie beim restlichen Rassismus auch ein stückweit eine Reduzierung und Entmenschlichung - das ist zwar ein harter Begriff, aber genau das passiert ja. Man fühlt sich objektifiziert. In dem Song geht es mir sehr viel um dieses Bedürfnis so, gesehen zu werden, wie wir wirklich sind, als Mensch gesehen zu werden. Ich glaube, das ist ein sehr universelles Bedürfnis, das wir alle teilen.

Ok, also gibt es noch einigen zu tun in der Musikbranche und in der Gesellschaft allgemein. Wie kann ich mich deiner Meinung nach als weißer Cis-Mann besser verhalten, um diese gesellschaftlichen Verhaltensmuster zu überkommen?

Du kannst versuchen, die richtigen Fragen zu stellen. Dazu gehört auch, sensibilisiert Fragen zu stellen und natürlich mit Fragen wie "Wo kommst du her" sensibel umzugehen. Im Endeffekt hast du auch als jemand, der bei einem Magazin arbeitet, die Verantwortung, entsprechend Berichterstattung zu leisten. Von meiner Seite aus habe ich den Wunsch nach Gerechtigkeit und Gleichstellung. Ich möchte, dass wir als Künstlerinnen genauso viel Medienaufmerksamkeit bekommen wie männliche Künstler.

Ich spreche viel über Themen wie Feminismus und Rassismus, aber ich möchte auch als Musikerin gesehen werden. Leider passiert es vielen Künstler*innen, die Person of

Colour sind, dass sie nur noch auf diese Themen angesprochen werden und ihre Musik in den Hintergrund gerät. Das stört mich, denn als Musikerin möchte ich über Kunst sprechen. Ich finde, da muss man ein Gleichgewicht finden.

Du bist Teil des vor Kurzem gegründeten queer-feministischen Kollektivs SEOI? Was hat es mit dem Kollektiv auf sich und was macht ihr?

Das ist ein Filmkollektiv. Wir sind gerade zu dritt, also es ist noch ein relativ kleines Kollektiv. Dazu gehören neben mir die Filmemacherin Jasmin Luu und Kamerafrau Marie Scholjegerdes. Wir fangen gerade an, kollektivistisch zu denken und uns Projekte zu überlegen. Das Kollektiv ist noch in der Entstehung und wir sind im Moment dabei, eine Homepage einzurichten. Das Thema und Statement ist noch in Diskussion. Aber uns ist ein Punkt besonders wichtig. Wir möchten als Künstlerinnen selbst mit unseren Bildern und Artworks, die wir mit unserer besonderen Ästhetik schaffen, respektiert werden. Dieses Kollektiv ist für uns ein Safe Space, ein Unterstützungsnetzwerk. Wir möchten einfach dieses sich gegenseitige Unterstützen in der Industrie fördern.

Auch die Filmindustrie ist besonders männlich und weiß dominiert. Ich habe auch schon von viel Sexismus an Filmsets gehört. Aber wenn ich mit Jasmin und Marie in dem Kollektiv zusammenarbeite, schaffen wir einen Raum, in dem so etwas nicht passieren kann, weil alle das auf dem Schirm haben.

Als Hamburgerin, was gefällt dir am meisten an der vielseitigen Elbmetropole und was ist dein Lieblings-Rückzugsort in der Großstadt?

In der Gegend, in der ich wohne, gefällt mir besonders, dass ich von Wasser und Deichen umgeben bin. Ich wohne auch offiziell auf einer Elbinsel. Das ist aber so eine große Insel und so viele Menschen wohnen hier, dass man das anfangs erst gar nicht merkt. Wir sind überall umgeben von Wasser und ich brauche Wasser.

Mein Lieblingsrückzugsort (überlegt) ich stehe extrem auf Pflanzen und Parks. Da kann ich auch stundenlang mit Noise-Cancelling Headphones entlang spazieren. Das gibt mir sehr viel Energie.

Schaut man sich deine Musik, Videos, Artworks etc. an, merkt man ja richtig, dass du eine sehr kreative Person bist. Woher bekommst du Inspirationen für deine Kunst?

Das ist eine schwere Frage. Aber mich hat schon immer Comic und Anime-Ästhetik fasziniert. Ich zeichne und animier auch selber Sachen. Animationsfilme und Computerspiele, so satte Farben und eine gewisse Magie haben mich schon immer inspiriert. Das ist ein Aspekt. Der andere Aspekt ist die Zusammenarbeit mit anderen Künstler*innen. Ich bin seit einem halben Jahr in einem Gemeinschaftsatelier, wo ich unter anderem Musik mache, aber auch Illustrationen, Kostüme entwerfe oder Schmuck für Musikvideos bastle - was man auch in den Musikvideos, die in den nächsten Monaten rauskommen, sehen wird. Da lerne ich so tolle Leute kennen, die teilweise auch ganz andere Kunst machen als ich. Zum Beispiel sind viele auf Animation oder 3D spezialisiert. Das ist ein sehr gutes künstlerisches Umfeld, in dem man sich austauschen und gegenseitig inspirieren kann. Dieses Kennenlernen, sich gegenseitig Unterstützen und Erfahren, in welchen Prozessen die anderen Künstler*innen gerade stecken, finde ich an der Zusammenarbeit im Atelier besonders inspirierend.

Vor ein paar Wochen habe ich auf Spotify gelesen, dass du neben Musik und Kunst auch deine eigene Mode machst. Was hat es damit auf sich?

Das habe ich nie offiziell gelernt, aber ich bin da Feuer und Flamme für. Ich liebe einfach alle möglichen Wege, sich auszudrücken und Mode ist für mich ein ganz wichtiger und total komplexer, aber auch cooler Bereich. Da brenne ich einfach für. Das fing eigentlich damit an, dass ich oft Outfits hatte, die ich ganz cool fand und mir meistens in Second- Hand Läden oder auf dem Flohmarkt gekauft habe. Irgendwann habe ich dann

angefangen, an den Sachen rumzuschnibbeln, weil ich immer das Gefühl hatte, irgendwas fehlt mir da oder es kam dann der Gedanke auf, dass das Outfit noch an dieser oder jener Stelle etwas Optimierung gebrauchen könnte. Dann habe ich mich irgendwann 'mal getraut, eine Schere in die Hand zu nehmen und so zack groß etwas abzuschneiden. Ich habe gemerkt und das merke ich bei allen Sachen, die ich mache: Einfach machen. Diese Unsicherheit, dass man etwas nicht gut genug kann oder keine Ausbildung in dem Bereich hat, geht dann auch weg. Man muss sich einfach dazu ermächtigen.

"Das finde ich auch so geil am Kreativsein. Es ist so eine richtige Form von Selbstermächtigung"

Welche Tracks hörst du im Moment auf Dauerschleife?

Ich hab einen Artist, den ich total auf Dauerschleife höre und das ist Frank Ocean. I love him. Ich frag mich, was das für eine Magie ist, die er in seiner Musik praktiziert oder zelebriert. Ich finde an seinen Songs interessant, dass die so einen untypischen Aufbau haben. Man kann manchmal gar nicht so richtig folgen. Die Songs haben nicht dieses typische Schema Strophe Chorus Strophe und überraschen mich voll oft. Seine Tracks haben auch immer so catchy parts. Irgendwas macht er ganz richtig. Ich glaube, im Endeffekt ist mir einfach nur wichtig, dass das Gefühl rüberkommt und bei ihm kommt einfach ganz viel rüber. Ich würde auch gar nicht sagen, dass ich in Genres Musik höre, sondern es geht mir vielmehr darum, dass so ein Gefühl transportiert wird und stimmungsvolle Melodien vorhanden sind.

Wir konnten durch "Perfect Girl" schon einen kleinen Sneak Peak in dein erstes Album ergattern. Wann können wir mit dem Debütalbum rechnen und was erwartet uns?

Das Album kommt ungefähr Ende Oktober raus. Das ist musikalisch sehr vielfältig geworden. Es hat eine große Varietät an Stimmungen und Tempo. Ich würde sagen, ich habe auch sehr viele Themen, die ich im Album anspreche. Im Vergleich zu den zwei EPs, die ich vorher veröffentlicht habe, gibt das Album noch einen größeren Einblick in meine persönliche Welt. An bestimmten Stellen habe ich mich bewusst dafür entschieden, eine sehr klare und einfache Sprache zu verwenden, was irgendwie eine Überwindung war. Es war aber sehr wichtig für mich, um einfach auszudrücken, was ich denke. Der Text von "Perfect Girl" zum Beispiel ist auch sehr rough, fast umgangssprachlich, als würde man sich gerade unterhalten. Das ist für mich auch ein Schritt aus der Komfortzone gewesen, mit dem ich sehr zufrieden bin.

Aber es sind unterschiedliche Themen. Es geht viel um das Bedürfnis, als Mensch gesehen und nicht auf Kategorien reduziert zu werden. In einem Song geht es um das Tabu, Gefühle zu zeigen. Das Gefühl, dass man Emotionen unterdrücken muss, wenn man eigentlich weinen möchte zum Beispiel. In einem Song geht es um so ein ambivalentes Gefühl mit der Natur. Man möchte einerseits die Schönheit der Natur genießen, hat aber andererseits auf dem Schirm, dass die Welt sehr unter der Lebensweise der Menschen leidet. In einem anderen Song geht es um Minimalismus und die Frage, was ich eigentlich brauche, um happy zu sein. Deswegen hat ehrlich gesagt das Album auch keinen Titel. Da gibt es gerade keine Kategorie für. Daher nenne ich es KUOKO - damit fühle ich mich auch wohl, denn das bin ich jetzt gerade im Moment.

Damit wir uns noch die Zeit vertreiben können, bis dein Album kommt, würde ich noch gerne eine Album-Empfehlung von dir hören. Wenn du ein Album auf eine einsame Insel mitnehmen müsstest, welches wäre das?

Das ist eine absolut unbeantwortbare Frage. Du musst wissen, ich hab auch 'mal im Plattenladen gearbeitet. Jemanden, der von so vielen Platten umgeben war, diese Frage zu stellen, ist schon ein bisschen fies. Aber ich würde wahrscheinlich Frank Ocean wählen. Das ist einfach die Frank Ocean Magic, die einem nie überdrüssig wird.



KUOKO ist eine facettenreiche Künstlerin, die mich durch ihre kreative Art, ihre vielfältigen Songideen und ihre Bodenständigkeit sehr beeindruckt hat. Ihre Songs behandeln wichtige gesellschaftliche Themen, die sie trotz der einfachen Songsprache, in ihrer Komplexität und Bedeutung an die Hörer*innen rüberbringt.

In ihrem energischen Song "Perfect Girl", der durch KUOKOs melancholische Stimme begleitet wird, singt die Künstlerin über die gesellschaftlichen Erwartungen, die an Frauen gestellt werden und dass die daraus entstandenen Verhaltensmuster wieder verlernt werden müssen. Ich kann es kaum erwarten, ihr neues Album zu hören. Eins ist sicher: Es wird musikalisch und thematisch sehr vielfältig.