• Jule Detlefsen

Konzert-Melancholie

Noch vier Stunden bis zum Konzert. Bei Minusgraden ohne Jacke vor der Venue stehen, damit man nur keine Zeit an der Garderobe verliert. Das Outfit ist nicht gerade den Wetterbedingungen angepasst. Aber beim Styling für ein Konzert wird alles gegeben. Man will dazugehören.


Kurz vorm Einlass wird das Sicherheitspersonal langsam hektisch. Die warten Masse wird noch viel hektischer. Dann die große Frage: „Darf ich rein, obwohl ich erst 14 bin?“. In den meisten Fällen: „Ja“. Zum Glück.


Ohne Kompromisse wird in die leere Halle gerannt. Alles nur, um in der ersten Reihe wieder zwei Stunden auf den Support-Act zu warten. Nach dem Support-Act wieder eine halbe Stunde warten. Und dann endlich der langersehnte Moment. Die Band betritt die Bühne. Das Licht geht an. Das Intro beginnt und plötzlich gehts los.


Wenn ich an die definierenden Momenten meiner jugendlichen Sozialisierung denke, bleiben Konzerte ein wichtiger Teil von ihr. Das Gemeinschaftsgefühl, dass ich so noch nicht kannte und die vielen Menschen, die genau so aussahen wie ich. Jetzt war ich umringt von tausenden mehr oder weniger Gleichgesinnten. So alleine ist man wohl doch nicht. Auch wenn sich das mit 14 Jahren manchmal so anfühlt.


So wird der Konzertsaal zum Safe Space für viele, die normalerweise aus der Reihe tanzen. Ein Gefühl von Geborgenheit inmitten von wildfremden Menschen.


Inmitten von schwitzenden, wildfremden Menschen. Tanzend und laut singend mit Blick zur Bühne. Das Adrenalin pumpt durch das Blut. Auf der Bühne eine Band, die alles gibt. Der gesamte Raum ist in Ektase. Der Songtext ist das Mantra, das die ganze Masse im Chor singt. Jeder Einzelne hat seine ganz individuelle Geschichte mit diesen Textzeilen, doch in der Gesamtsumme empfinden sie alle das gleiche.

All das wirkt wie ein Parallel-Universum während einer globalen Pandemie.


Seit März 2020 steht die Club-Szene still und damit auch die Konzertlandschaft. Künstler*innen können ihrer Berufung nicht nachgehen und die gesamte Crew hat seit März keinen Cent mehr verdient. Der Impfstoff ist ein kleiner Lichtblick. Denn eins ist klar: Clubs, Konzerte, große Menschansammlung - das geht nur mit Impfstoff.


Vielleicht wird es dieses Jahr schon möglich sein, wieder ein Konzert zu erleben. Vielleicht dauert es noch länger. Das bleibt unklar.


Wenn du das nächste Mal auf einem Konzert stehst und deine Ohren vor Freude Besuch bekommen. Dann nimm dir kurz einen Moment und denk darüber nach, wie schön und verrückt dieser Moment ist.


Tanzen, singen und vielleicht das ein oder andere Bierchen dazu. Also ich könnte mir momentan nichts Schöneres vorstellen.



Hier gibt es noch ein bisschen Konzert-Feeling zum Anschauen: