• Jule Detlefsen

"Ich glaube, dass die jüngere Generation nie wirklich FLINTA* Vorbilder hatten"

Indie-Newcomerin BROCKHOFF zum Flutwelle-Interview treffen

Credits: Charlotte Krusche

Wer dachte, dass Indie-Musik ausschließlich was für schmale Skater-Boys mit lockigen Haaren und engen Jeans ist, ist schon lange nicht mehr up to date. Die Indie-Landschaft ist so weiblich wie nie und Newcomerin Brockhoff ist ganz vorne mit dabei. Mit ihrem warmen und umarmenden Indie-Sound spielte sie sich direkt in mein weiches Herz und begeistert seit ihrem ersten Auftritt im März das Publikum immer wieder aufs Neue.


Seit März ist viel passiert und Brockhoff mittlerweile ein fester Bestandteil der deutschen Indie-Szene geworden. Kurz vor dem Release ihrer allerersten EP "Sharks" hatte ich die Möglichkeit, mit der Musikerin zu sprechen. Dabei haben wir über die wilden Zeiten redet, die gerade für Brockhoff anstehen, aber auch über versteckte Easter Eggs, Fisch-Schuhe, Hannah Montana und warum es so wichtig ist, weibliche Vorbilder zu haben.

Ein Vorbild ist Brockhoff meiner Meinung schon längst. Ich glaube, wenn ich groß bin, möchte ich genau so cool sein wie Brockhoff. Mal sehen, ob es klappt.


Vor Kurzem hast du spontan auf dem Tempelhof Sounds gespielt, bist als Vorband für Jeremias, Shelter Boy und Pompom-Squard unterwegs und hast sogar schon eigene Konzerte mit Luke Noa gespielt. Hattest du in dieser kurzen Zeit eigentlich mal einen Moment für dich gehabt, um das alles zu verstehen und zu verarbeiten?

Ehrlich gesagt war noch nie so richtig viel Zeit, die Sachen mal wirklich zu verarbeiten, weil immer das nächste große Event direkt um die Ecke stand und sich viele Sachen auch so spontan ergeben haben. Ich habe tatsächlich im Juli haben wir mal 2 Wochen freigehalten für ein bisschen Urlaub und ich glaube, da muss ich einiges aus den letzten paar Monaten mal sacken lassen und überhaupt mal durchatmen. Also bisher war da gar nicht so viel Zeit für.

Nach dieser ganzen Zeit vom Warten, den letzten 2 Jahre, ist es aber natürlich auch irgendwie super cool, wenn jetzt Schlag auf Schlag irgendwas Verrücktes passiert.

Und obwohl zwischendurch halt nicht so viel Zeit war, hat man trotzdem gemerkt, dass man von Gig zu Gig schon so viel mitnimmt. Das ist gerade richtig cool zu sehen, dass man da so schnell dazulernt. Weil für mich ist es ja auch das 1. Projekt, in dem ich mit Bands spiele und das fügt sich gerade gut zusammen von Auftritt zu Auftritt.

Dann kann der restliche Festival-Sommer ja kommen.

Ja, wir sind ready.

Was wäre ein Traumfestival, auf dem du mal unbedingt spielen möchtest?

Also es gibt ein paar, wo ich mal super gerne spielen würde. Eins ist zum Beispiel das Haldern Pop. Ich war selber noch nie da, aber ich habe so viel Gutes gehört und ich finde auch das Line Up immer so crazy, dass das auf jeden Fall ein Ding wäre, was ich ganz gern mal erreichen wollen würde.

Lass uns über deine EP reden. Warum hast du dich dafür entschieden, dass Sharks der titelgebende Song der EP wird?

Ich glaube, zu der Zeit, als ich darüber nachgedacht habe, wie ich die EP nennen will, war das der aktuellste Song, den ich geschrieben habe und der bei mir irgendwie präsent war und den ich irgendwie am meisten gefühlt habe. Es hat keine wirklich tiefere Bedeutung. Ich fand den Titel einfach cool und passend für eine EP und dann war das eigentlich eine relativ schnell beschlossene Sache. Das ist auf jeden Fall einer meiner Lieblingssongs von der EP und dann hat sich das einfach natürlich angefühlt. Es ist ja auch gar keine Konzept EP oder so, sondern jeder Song steht für sich thematisch.

Ich liebe den Titel auch total. Sharks finde ich irgendwie süß, aber auch ein bisschen gefährlich. Das mag ich.

Ja, es macht auf jeden Fall ein kleines Bild auf, was irgendwie cool ist.

War nicht in dem Second Floor Video nicht auch ein Hai auf dem Tisch?

Ja cool, dass du es gesehen hast! Ich hab versucht, ein paar Easter Eggs zu verstreuen. Ne Freundin, die das Styling gemacht hat, hat auf mein Shirt so ein Zahn gestickt, was wiederum eine Anspielung auf „Missing Teeth“ ist und der Hai halt. Ich glaube, bisher hat es noch niemand angesprochen, außer meine Mitbewohnerin. Die hat es gemerkt.

Credits: Charlotte Krusche

Ich lieb das Artwork by the way. Wie kam es dazu?


Super ungeplant war das. Ich war bei Lotti, eine Freundin, die alle Artworks gemacht hat und mit der ich auch die ganzen Fotos gemacht habe. Da lagen diese Fisch-Schuhe bei ihr im Flur und ich war direkt Fan. Dann sind wir rausgegangen, um Fotos zu machen und ich meinte, lass die mal mit einpacken und dann sind damit eigentlich ganz coole Fotos entstanden. Als wir dann gezielt für das Artwork Fotos gemacht haben, haben wir die einfach wieder mit aufgegriffen. Irgendwie musste das dann auch sein und das Foto ist relativ spontan entstanden. Für uns beide war das relativ schnell klar, dass es das Artwork sein soll. Aber ich glaube sogar, als die Schuhe das erste Mal auftauchten, war der Song Sharks noch gar nicht entstanden.

Ach, krass.

Also es war am Ende dann auch noch Zufall, dass das jetzt noch ein bisschen lustig ist, weil es thematisch eine Welt aufmacht, die halt zum Titel und zum Song passt.

Du singst in Sharks: „They act out grown-up conversations“ hattest du da eine bestimmte Gesprächssituation im Kopf und wenn ja, welches?

Ich habe den Song nach einer Party geschrieben, auf der ich mich nicht wohlgefühlt habe. Ich habe keinen bestimmten Satz oder Konversation im Kopf gehabt, aber ich habe einfach während des Abends generell so einen Vibe gespürt, dass so eine gewisse fake Happiness herrscht. Neid aufeinander und niemand war so richtig er oder sie selbst. Ich hatte das Gefühl, jede:r versucht gerade etwas zu sein, was man eigentlich nicht ist. Deswegen diese grown up conversations, also dieses Acten und Unnatürliche, was irgendwie für mich da im Raum stand.

Das Gefühl haben wahrscheinlich viele, wenn sie aus ihrer Kleinstadt wegziehen und dann wieder zurückkommen. Da ist immer das Gefühl da, dass man einfach nicht in deren Schablone passt.


Auf jeden Fall. Die Party war auch nicht hier in Hamburg, sondern eher in einer Kleinstadt. Dieses Gefühl, sich fremd zu fühlen, eine gewisse Distanz zu den Leuten zu haben und sich aber auch irgendwie nicht ernst genommen zu fühlen. Das ist ja auch so Hauptgefühl, was mich auch gezwungen hat, diesen Song zu schreiben. Aus dieser Frustration heraus, dass ich mich nicht ernst genommen gefühlt habe, für das, was ich mache, an dem Abend.

Ja, das kann ich voll nachvollziehen, dass so Sachen, die für einen selbst so groß sind, auf einmal so nichtig sind, aber andersrum ja genau so. Also ich kann auch nicht viel damit anfangen, wenn über das neue Carport geredet wird. Mit Bloody Hands findet die EP einen sehr ruhigen Abschluss im Gegensatz zu den anderen Songs. Wieso hast du dich für diesen Ausstieg entschieden?

Also der Song ist eigentlich noch eine ziemlich rohe Demo-Version. Das war ein Song, der zur selben Zeit entstanden ist, wie auch Second Floor und Ever Since We Met und dementsprechend hat es sich auch gut angefühlt, den jetzt im Zuge der EP mit raus zu bringen. Es ist schon so der ruhigste und persönlichste Song. Der ist super schnell in einer Nacht tatsächlich entstanden. Es war so sehr intuitiv und ich habe den an diesem Abend bzw. in der Nacht auch direkt bei mir zu Hause aufgenommen und dabei ist es auch geblieben. Es sind immer noch dieselben Vocal-Aufnahmen, die ich mit einem Bettlaken über dem Kopf ganz klassisch aufgenommen habe. Weil ich damals nicht mehr so laut sein konnte, wegen meiner Mitbewohnerin, habe ich extra leise gesungen. Naja, und dann saß ich da mit dem Bettlaken über meinem Mikro, habe den eingesungen. Irgendwie dachte ich, ich kriege es nie wieder so hin, wie in dem Moment, weil ich es eben so gefühlt habe. Ich fand es cool, diese Seite auch noch zu zeigen auf der EP. Das hat es auch ein bisschen runder noch gemacht.


Mit der Story im Hinterkopf ist der Song ja auch nochmal viel besonderer. Voll schön. Du singst: „and I’m the only one with bloody hands“ Was möchtest du denn damit ausdrücken?

Zu der Zeit habe ich nicht so gut geschlafen und hatte echt wilde und ein bisschen blutrünstige Träume und fand das dann aber ein gutes Bild. In dem Song geht es sehr viel um Hoffnung, Macht und sich aber auch machtlos fühlen und auf Bestätigung und Rückmeldung von einer Person zu warten - vergeblich. Dazu so eine gewisse Distanz zu spüren und sich selber nicht aus dieser Situation heraus manövrieren zu können, sondern sich ein bisschen in dieser Trauer zu suhlen und nicht den Schritt zu schaffen.

Ach krass. Das Traum-Thema ist ja super präsent mit Bloody Hands und Missing Teeth. Voll spannend, diese Welten von Traum, Realität und alles, was dazwischen ist, zusammenzubringen.

Das ist mir sogar erst relativ spät aufgefallen, dass die beiden Songs so stark mit Träumen oder Traum-Symbolen spielen. Das war gar nicht gezielt oder so, aber es schien mich etwas beschäftigt zu haben.

Total interessant, wie sich diese unterbewussten Gedanken dann wieder in deinen Songs widerspiegeln. Ich finde, du hast einen sehr einzigartigen und warmen Indie-Sound. Wie bist du damals zum Indie gekommen?

So vor zweieinhalb Jahren, als ich nach Hamburg gezogen bin, habe ich super viel rumprobiert. Ich habe den Pop Kurs gemacht in Hamburg und mich hier inspirieren lassen und in demselben Zuge auch neue Künstler für mich entdeckt. Vor drei Jahren vor allem Phoebe Bridges, die mich mehr in diese Indie-Rock-Welt gezogen hat. Weiterführend auch Künstlerinnen wie Soccer Mommy und Snail Mail. Irgendwann hat sie es immer natürlicher angeführt, die E-Gitarre in die Hand zu nehmen. Dann habe ich auch angefangen, mit meinem jetzigen Produzenten zu arbeiten. Der wiederum voll diesen 90s-Sound macht. Dann hat er noch andere Inspirationen wie The Cardigans, Foo Fighters, Stereophonics in die Playlist geworfen und das war dann ein richtig guter Match.

Also warst du vorher noch gar nicht so in der Indie-Szene drin?

In meiner Jugend habe ich tatsächlich überwiegend Pop gehört. Ich war riesengroßer Hannah Montana, Miley Cyrus, Taylor Swift Fan. Avril Lavigne auch auf jeden Fall. Das hat sich tatsächlich so ein bisschen durch Phoebe Bridges und Lucy Dacus geändert. Seitdem höre ich eher Rock und Indie-Rock als Pop. Aber ich finde es eben cool, beides zu vereinen. Ich glaube, man hört in meiner Musik den Pop auf jeden Fall raus. Das werde ich auch niemals vermeiden können, dafür habe ich viel zu viel Taylor Swift in meinem Leben konsumiert. Aber das ist auch cool so und ich finde die Mischung eben auch sehr, sehr, sehr cool.

Wenn ich so darüber nachdenke, muss ich auch sagen, den Hannah Montana Soundtrack höre ich auch ein bisschen aus deiner Musik raus.

Geil, mega. Das nehme ich ja komplett als Kompliment.

Credits: Charlotte Krusche

Jetzt ist die Indie-Szene natürlich überflutet mit männlichen Bands, die alle mehr oder wenig gleich aussehen. Warum glaubst du, bekommen Frauen weniger Aufmerksamkeit in diesem Genre?

Natürlich ist es im Moment schon noch auffällig, dass es sehr männerdominiert ist, aber ich finde schon, dass sich da gerade sehr stark was verändert. Es ploppen hier und da auch einfach junge Künstlerinnen auf, wie Philine Sonny, Blush Always, Power Plush, die genauso gut mithalten können und denen auch Gehör verschafft wird. Ich habe schon das Gefühl, dass man auf einem guten Weg ist.

Ich glaube, dass die jüngere Generation nie wirklich FLINTA* Vorbilder hatten und das dauert halt super lange, bis sich das ändert. Man merkt jetzt schon vermehrt, dass meine Nichten und Neffen schon eher zu weiblichen Acts und Künstlerinnen hochschauen. Aber wenn das halt nie der Fall war, dann wird man natürlich auch nicht motiviert, als Frau den Bass in die Hand zu nehmen oder sich an die Drums zu setzen. Aber ich glaube dadurch, dass es jetzt eben ein zunehmender Wandel in die Richtung gibt und mehr gesehen wird und mehr Raum dafür geschaffen wird, gibt es dementsprechend auch mehr Vorbilder für die jetzigen Generationen.

Voll, Vorbilder schaffen ist super wichtig. Da trägst du ja auch ein Teil dazu bei.

Solche Bands wie Haim zum Beispiel sind da ja auch super. Die haben mir auch voll viel Mut gegeben..

..und du bist auf jeden Fall die Vorreiterin für die nächsten Generationen an weiblichen Indie-Musikerinnen.