• Jule Detlefsen

Festival Feeling

Die Sonne bohrt sich in die Haut. Der Alkoholkonsum von gestern macht sich langsam im Kopf bemerkbar. Zeit, das Konterbier rauszuholen. So richtig wach ist keiner, denn die Zeltnachbarn haben die ganze Nacht Flunky Ball gespielt. Nervig. Die müssen ein eisernes Durchhaltevermögen haben oder sie haben gestern erst gar nicht auf das Konzertgelände des Festivals gefunden. Um 11 Uhr wird es im Zelt so unfassbar heiß, dass die Luft wegbleibt. In letzter Rettung stolpert man auf den Zeltplatz, nur um in einer undefinierbaren Masse mit den Füßen zu stehen. Die Hoffnung macht sich im Körper breit, dass es sich dabei hoffentlich nicht um jegliche Körperflüssigkeiten handelt. Glück gehabt, es war nur von der Sonne gewärmtes Bier. Beim Frühstück, dass aus pappigen Chips besteht, wird hektisch der Spielplan für den Festival-Samstag gesucht. In einer Stunde spielt schon die erste interessante Band. Schnell wird sich Trockenshampoo in die Haare gespürt. Leute, die in 2014 hängen geblieben sind, hauen sich Glitzer auf die Wangenknochen. Die Wegmische wird ins leere Rotwein-Tetrapark gefüllt. Und los.


Das alles hört sich an, wie nostalgisches Schwärmen in der Vergangenheit oder freudige Zukunftsmusik. Im Moment hilft nur zu Hause zu sitzen und die Hoffnung und das Durchhaltevermögen nicht zu verlieren. Damit das mit der Hoffnung noch etwas länger anhält, gibt es hier den perfekten musikalischen Festival-Tag direkt zu euch ins Wohnzimmer.


Den perfekten Soundtrack für den viel zu heißen Tag bringt MELE mit „Eisamstiel“. Mit klugen Texten überzeugt die Sängerin in jedem ihrer Songs. Nebenbei verbreitet sie in ihrem Song „Eisamstiel“ die wohl wichtigste Message des Festivals: „Du musst dich eincremen, Sonnenbrand ist out“

Thematisch bleiben wir bei der Hitze. Gurr macht Musik, die auch den letzten Tanzmuffel die Hüften rhythmisch kreisen lassen. Der perfekte Soundtrack für das erste überteuerte Bier des Tages. Auch wenn dies im folgenden Moshpit zu Grunde geht.

Zufällig gehen wir an einer kleinen Bühne vorbei. Der Sound lässt uns nicht still stehen bleiben. Bei genaueren Zuhören verstehen wir den Text. Nach wenigen Sekunden zeichnet sich das erste Lächern auf das Gesicht. Als Zugezogener Berliner fühlen wir uns bei diesem Text sehr ertappt. „Und sie reden über Astrologie, Tun so, als wären ihre Horoskope Magie und sie machen alle was mit Design“

Der nächste Act kommt auf die Bühne. Auf Mia Morgan haben alle sehnlich gewartet. Sofort bildet sich ein Moshpit und alle tanzen wie verrückt. Einzige Besonderheit: Im Moshpit sind nur Frauen, die Männer können heute mal am Rand zu schauen. Außen er ist ein Waveboy, dann hat er später vielleicht noch eine Chance. Aber nur vielleicht.

Von einer anderen Bühne dröhnt ein eingängiger Beat. Bekannt scheint er, ganz zuordnen kann man ihn noch nicht. Dann fällt der Groschen. Frittenbude! Jedes einzelne Wort sitzt, obwohl das Album schon über 10 Jahre alt ist. Beim Refrain liegen sind alle in den Armen, die Sonne versteckt sich langsam hinter eine dunkle Wolke, aber jetzt ist alles egal. „Das ist Kunst mindestens in 1000 Jahren“

Der Tag neigt sich dem Ende. Der Alkoholpegel ist am Anschlag und die ersten Anflüge von Müdigkeit machen sich bemerkbar. Doch um 21:00 Uhr auf der Hauptbühne sind alle dabei. Die Sonne geht langsam unter, die Temperaturen bleiben oben. In kurzer Hose und T-Shirt singen alle mit. Der Song wirkt wie die Hymne des Festivalwochenendes.

Dann um 22:30 Uhr endlich der Headliner. Die Casper-Fan-Girls, die mittlerweile alle erwachsene Frauen sind, drängen sich nach vorne. „Alles Endet (aber nie die Musik)“ wirkt wie die Befreiung der letzten Jahre, in denen wir alleine zu Hause sitzen musste, sehnsüchtig auf das Tanzen inmitten von Tausenden Menschen gewartet haben. Das Warten hat ein Ende. Wir haben es geschafft und jetzt stehen wir hier. Wir hören Musik, haben gute Gefühle in den Armen von den Menschen, die wir am dollsten lieben. „Wir können alles und alles können wir sein“

"Alles endet aber nie die Musik“ - Casper