• Jule Detlefsen

Esther Graf - Wellenbrecher

Konzert-Review - Esther Graf, am 27.11.2021 im Privatclub in Berlin

"Kann mir jemand sagen, wie es geht? Wie man dieses Leben richtig lebt?

Bin lost im Moment, noch immer kein'n Plan, Fühl mich so leer, wie der Geldautomat"

Mit diesem Song im Kopf lief ich zum Privatclub in Berlin und baute noch schnell einen Stopp beim Geldautomaten ein. Der Abend sollte schließlich nach dem Konzert noch nicht enden und was wären Konzerte ohne den Genuss von alkoholischen Kaltgetränken? Doch mein Kontostand kam mir zu vor. 6,15€ verlieben mir noch für die letzten 5 Tage des Monats. Ich konnte mich schon vorher ziemlich gut mit Esthers Lyrics identifizieren, doch nun hatte ich endgültig das Gefühl, die Protagonistin des Songs zu sein. Zum Glück hatte ich gute Freunde mit stabilen Einkommen im Gepäck, die mich von hier an durch den Abend finanzierten. Das Geld bekommen sie schon irgendwann wieder zurück, keine Sorge.

Das Ticket hatte ich mir zum Glück schon einige Wochen vorher gekauft. Am Monatsanfang, als die Fuffis noch buchstäblich durch den Club geschmissen worden. Als ich die Ankündigung für Esther Grafs erste Liveshow sah, war die Kreditkarte schnell gezückt. Schließlich war ich schon lange Fan der Österreicherin und spätestens nach dem Flutwelle-Interview Hals über Kopf in die Musikerin verliebt. Verliebt in Esther Graf sind wir alle wahrscheinlich ein bisschen, deshalb war die Suche nach einer Begleitung für das Konzert auch kinderleicht. Ihre Musik macht schließlich einfach Spaß, ist tanzbar, lässt uns aus tiefsten Herzen mitgrölen und hat damit genau das, was ein gutes Konzert ausmacht.


Zurück zum leeren Geldautomaten. Da stand ich nun ohne Geld und musste wieder an den Song, der mein Leben leider so oft so gut beschrieb, denken. Esther bezeichnete den Song in unserem Interview damals als „Ode an die Lostheit“, manchmal hatte ich das Gefühl, mein Leben sei eine Ode an die Lostheit, aber darum soll es jetzt nicht gehen.

FOTOCREDITS: @matsmitzett


Das Konzert im Privatclub war unter der damals noch neuen 2G+-Regel möglich. So wurde an der Tür Ausweis, Impfausweis, & Testnachweis kontrolliert. Alles schön gründlich - lieben wir, für ein sicheres Konzerterlebnis.

Der Privatclub war um 20:00 Uhr bereits gut gefüllt. Um 20:30 Uhr sollte das Konzert beginnen. An der Bar wurde ich von meiner spendierfreundlichen Begleitung mit reichlich Mexikanern versorgt und machte mich mit denen schon mal scharf auf die Musik, die gleich folgen würde.

Der Privatclubs ist zwar sehr klein, doch daher oft genau richtig. Der Gang von Bar zur Bühne fühlt sich nicht gleich wie ein unausführbarer Ironman an, sondern eher wie ein Sonntagsspaziergang, der einem immer wieder guttut. Also stellten wir uns, sobald sich die Lichter dämmten und die Masse laut wurde schnurstracks vor die Bühne.

FOTOCREDITS: @matsmitzett


Auf einmal hüpfte eine aufgeregte blonde Frau auf die Bühne und begann den Song zu singen, den ich nach Anblick meines Kontostandes noch so sehr fühlte. Sofort war ich gebannt. Sobald Esther das Wort ergriff, bemerkte man ihr die Aufregung deutlich an. Doch bei der ersten Liveshow mehr als verständlich und mehr als sympathisch. Besonders als die darauf hinwies, dass ihre Mutter vorne in der ersten Reihe mit einem Wasserfall aus Tränen stehen würde und sie dort nicht hinschauen könnte, ansonsten ihr das Gleiche bevorstehe.


Anfängliche Unsicherheiten bügelte die Musikerin schnell aus und hatte das Publikum sofort im Griff. Selbst bei unveröffentlichten Songs wurde die Tanzlust nicht geringer. Die Musik von Esther Graf funktioniert ab dem ersten Takt und bleibt bis zum letzten Ton eine große Einladung zum Tanzen und Spaß haben. Das taten wir dann auch alle und so verflogt das Konzerte in gefühlten Sekunden.


Übrigens verriet die Künstlerin, dass wohl bald eine EP kommt. Mehr Infos als bald gab es nicht, aber den ein oder anderen Song daraus schon. Die Songs alle im Esther-Pop-Style, wie wir es eben lieben und auf dem deutschen Musikmarkt auch echt dingend brauchen. Sie staubt den Begriff des nichtssagenden und im Takt schunkelnden Deutschpop ab und verleiht ihm ein wenig mehr Internationalität, Moshpit-Potenzial und eine üppige Ladung Coolness, die kein Millimeter angestrengt wird.


Das Finale des Konzertes war ihr Hit "Red Flags". Die Crowd kannte jedes Wort und war auch nicht müde, diese laut mitzusingen. Der Chorus verlangte uns alle ordentlich Kraft in den Sprunggelenken ab. So ausgelassen war ich nach all der Zeit lange nicht mehr auf einem Konzert. Vielleicht spielen in diese Gleichung auch der eine oder andere Mexikaner rein, aber nur vielleicht. Ich schätze auch ohne Mexikaner wäre das Konzert von Esther Graf eins der besondereren Art geworden, über das man noch lange spricht und es sich immer ein bisschen warm uns Herz anfühlt, wenn man daran zurückdenkt.


Esther Graf hat dem Publikum das wohl schönste Abschluss-Konzert 2021 beschert, ohne es vorher überhaupt zu ahnen. Von herzschmerzender Intimität bis hin zum ausgelassenen Herumhüpfen war alles dabei, was ein gelungener Abend (ob Konzert oder nicht) auf der abgehakten To-Do-Liste stehen haben sollte.


Nächstes Mal kann ich mir dann vielleicht auch selbst ein Mexikaner an der Bar leisten und habe keine Angst mehr vor dem Geldautomaten. Dann gibt es vielleicht andere Baustellen in meinem Leben, aber ich bin mir sicher Esther Graf wird auch dafür genau den richtigen Soundtrack für mich parat haben.

FOTOCREDITS: @matsmitzett