• Jule Detlefsen

#DeutschrapMeToo

TW: Sexualisierte Gewalt, Victim-Blaming, Häusliche Gewalt, Misogynie


"Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner. Betroffen sind Frauen aller sozialen Schichten.“ - BMFSFJ


"Im Jahr 2019 sei statistisch betrachtet an fast jedem dritten Tag eine Frau durch die Tat ihres Partners oder Ex-Partners gestorben. Umgerechnet alle 45 Minuten werde eine Frau durch ihren Partner verletzt oder angegriffen." - Tagesschau


Immer wieder traut sich ein Opfer von sexualisierter Gewalt mit der eigenen Erfahrung in die Öffentlichkeit zu gehen. Und immer wieder wird die Glaubwürdigkeit infrage gestellt. Jedes Mal aufs Neue. Als wäre die Debatte neu. Als wäre es der erste Fall. Immer wieder muss sich das Opfer rechtfertigen, erlebtes Trauma wieder und wieder erzählen und ständig Beweise liefern.


Natürlich müssen bei einer Situation vor Gericht Beweise vorliegen. In den meisten Fällen reichen diese für eine Verurteilung nicht aus. Es steht Aussage gegen Aussage. Das wissen die Opfer und die Täter nur allzu gut. Doch wir sollten anfangen, betroffenen Frauen zuzuhören und sie ernst zunehmen.


Sogenanntes Victim-Blaming passiert schnell. Besonders im Internet. Aber auch im alltäglichen Leben. Dabei schreibt sich das Opfer ohnehin oft die meiste Schuld zu. Auch wenn diese in keiner Weise gerechtfertigt ist. Die Opfer werden gefragt, was sie sich gedacht haben mit XY nach Hause zugehen, was sie anhatten oder welche Rauschmittel im Spiel waren.

Victim-Blaming kann so weit führen, dass viele Frauen sich überhaupt nicht eingestehen, dass sie Opfer von sexualisierter Gewalt oder sexuellem Missbrauch wurden. Die Einsicht über das Geschehende kann in einigen Fällen erst Jahre nach der Tat kommen. Das ständige Infragestellen des Vorfalls von außen verlangsamt diesen Prozess zusätzlich.


Seit letzter Woche steht Rap-Deutschland kopf. Nika Irani erhebt schwere Vorwürfe gegenüber dem Rapper Samra. Es geht um sexualisierte Gewalt. Die Vorwürfe haben ordentlich was ins Rollen gebracht. Durch den großen Mut, den Nika Irani nach so einer Erfahrung aufbrachte, haben eine Großzahl von mutmaßlichen Opfern von sexualisierter Gewalt ein Sprachrohr gefunden. Seit einer Woche teilt Nika Irani auf ihrem Instagram-Kanal Erfahrungen von anderen Frauen oder ihre eigene Geschichte. Die intensive Auseinandersetzung mit der Thematik in ihrer Position kostet wahrscheinlich unglaublich viel Kraft und verlangt ein außerordentliches Maß an Stärke.


Die ersten paar Stunden bleibt das Internet verstummt. Die Medien wissen nicht, wie sie mit diesem schweren Thema umgehen sollen oder wollen ihre Fanbase nicht verärgern. Flutwelle schließt sich hier nicht aus. Nachdem Shirin David eine ausführliche Story zu dem Fall veröffentlicht, überschlagen sich die Medien. Die Rapperin nutzt ihre enorme Reichweite, um das strukturelle Problem innerhalb der Szene und der Gesellschaft zu beleuchten.


Die Instagram-Seite @deutschrapmetoo ruft auf, eigene Erfahrungen innerhalb der Szene mit der Seite anonym zu teilen. So können sie kollektiv gesammelt werden und im besten Fall zur einer Anzeige führen. Im Interview mit "Deutschlandfunk Kultur" berichtet die Journalistin und Mitinitiatorin „Jane“ von einem übermäßigen Ansturm von Direktnachrichten, die die Seite innerhalb von wenigen Tagen erreicht hat. Psycholog:innen und Anwält:innen bearbeiten nun die Nachrichten. Jane wünscht sich, dass der Diskurs über Misogynie und sexuellen Missbrauch in der Szene konsequenter geführt wird. Darüber hinaus erhofft sie sich, dass potenzielle Täter sehen, dass dieses Verhalten zu Konsequenzen führt.


Was wichtig ist - dass Frauen sich nicht verantwortlich fühlen sollten in diesen Fällen Aufklärungsarbeit zu leisten. Vier von fünf Opfern von sexualisierter oder psychische Gewalt sind Frauen. Die ständige Retraumatisierung der Betroffenen bleibt bei ihrer Aufklärungsarbeit häufig nicht aus. Es braucht männliche Akteure, die sich positionieren oder ihre Reichweite nutzen, um ihre Community für das Thema zu sensibilisieren. Sexualisierte Gewalt ist kein reines „Frauen-Thema“.


Sexismus und Misogynie sind strukturelle Probleme innerhalb unserer Gesellschaft. Die Strukturen ziehen sich durch alle möglichen Bereiche. Im Rap werden diese Umstände jedoch zelebriert und zur Machtdemonstration missbraucht.


Dabei lag der Ursprung des Raps doch darin, benachteiligten Gruppen eine Stimme zu geben. Es ging darum, nach oben, anstatt nach unten zu treten. Rap war dafür da, um Missstände aufzudecken und so Selbstermächtigung zu schaffen.


Lasst uns als Frauen diese Stimme zurücknehmen. Wenn es im Einzelfall nicht funktioniert, dann eben im Kollektiv. Der Zusammenschluss kann Betroffenen Kraft und Sicherheit geben. Zusammen sind die Opfer stärker als ihre Täter.


Wenn ihr selbst betroffen seid, könnt ihr euch unter folgenden Nummern anonym und kostenlos Hilfe holen:


0800 22 55 530 : Hilfetelefon Sexueller Missbrauch

0800 01 16 016 : Gewalt gegen Frauen – Unterstützung für Frauen in Not

116 006 : Für jegliche Opfer von Kriminalität