• selliha

Antje Schomaker im Interview

Mit "Ich muss gar nichts" liefert Antje Schomaker ein Statement an die doch noch sehr männliche dominierte Musikbranche und zeigt auf wie sie sich in ihrer Rolle als Künstlerin in der deutschen Szene fühlt. Ein paar Tage nach dem Release ihrer neuen SIngle durfte ich Antje ein paar Fragen stellen. Wie die Single entstanden ist, welche Künstlerinnen Sie grade für ein Festival-Line-Up buchen würde und welche Menschen im Entstehungsprozess ihrer Songs eine Rolle spielen - das sind alles Fragen die sie mir beantwortet hat.


Wie geht’s dir nach dem Release deiner neuen Single "Ich muss gar nichts"?


Danke der Nachfrage, mir geht es ganz fantastisch!


Wie hast du das Feedback zum Song bis jetzt empfunden?


Ich muss zugeben, dass ich ziemlich überwältigt bin. Drangsal & Casper haben den Song bei „Mit Verachtung“ empfohlen, Olli bei „Fest & Flauschig“, Kummer hat ihn sich bei fm4 im Radio gewünscht, bei TikTok haben 10.000 Leute bisher den Song als Sound benutzt. Das alles empfnde ich natürlich echt als Träumchen.


Kannst du unseren Leser:innen vielleicht einmal die Geschichte hinter dem Song erzählen?


Klaro :) es war in etwa so: Olli Schulz schrieb mir 2018 bei Instagram eine Nachricht, warum ich denn ein Feature mit so einer cheesy Popband machen würde, ich sei doch so cool und so (Lange Version hiervon in der fest & fauschig Folge vom 20.12. ab 29:00). Das war der berühmte letzte Tropfen, der dazu führte, dass ich den Song schrieb und vorproduzierte, weil ich es Leid war, immer gesagt zu bekommen, was ich zu tun oder wie ich zu sein habe. Mein damaliger Freund (jetzt Ex, ihr kennt ihn vielleicht von meinem Song „verschwendete Zeit“ LOL) sagte mir, der Beat sei falsch. Daraufhin war ich so verunsichert, weil es eine meiner ersten kleinen Produktionen war, dass ich den Song erstmal beiseite gelegt hab. Als ich 2020 mit Robbie Stephenson gearbeitet hab, hat er mich irgendwann ermutigt, ihm mal ein paar meiner eigenen Vorproduktionen zu zeigen. Nachdem er „Ich muss gar nichts“ gehört hatte, sind wir sofort ins Studio und haben ihn fertig produziert. TADAAA!


Gab es eine bestimmte Situation, die für die Entstehung von „Ich muss gar nichts“ ausschlaggebend war?


Neben der Sache mit Olli, gab es natürlich noch viele andere Situationen. Aber auch Nachrichten oder Kommentare wie z.B. „ich höre ja eigentlich eher Männermusik, aber fand deinen Auftritt bei der Show XY echt toll“ oder Männer, die mir einfach ungefragt Ratschläge oder Sprüche gegeben haben. Das passiert tatsächlich echt häufg.


Du hast ja auf Instagram gefragt, was die Lieblingszeile deiner Hörer:innen aus dem Song ist. Da habe ich mir die Frage gestellt: Was ist denn deine Lieblingszeile?

Uff, schwierig. Tatsächlich kann ich mich da nicht festlegen..

Mit der Zeile: "Muss was im Schritt haben, sonst komm' ich ins Line-up nicht rein" machst du das Problem von männerdominierten Line-Ups bei Festivals klar. Besonders dieses Jahr war die Diskussion und Empörung (zumindest in der Bubble), rund um Rock am Ring groß. Meinst du es wird in den nächsten Jahren mehr Veränderungen in die richtige Richtung geben, egal ob in den Festival Line Ups oder in der Branche allgemein?


Das traurige daran ist, dass diese Zeile schon im Sommer 2018 entstanden ist (eine Songhälfte hab ich damals geschrieben, die andere kam 2021 dazu). Es ist aber JEDES Jahr dasselbe Spiel, wenn die Line Ups verkündet werden. Natürlich gibt es Festivals

wie das Reeperbahn Festival, oder das Puls Open Air, die paritätisch buchen und langsam tut sich etwas, vor allem bei den jüngeren Festivals. Die Big Player sind sich aber leider immer noch nicht bewusst, dass sie strukturell FLINTA (FLINTA = Frauen*, Lesben, inter-,non-binary und trans- Personen) benachteiligen. Das kann man auch auf die Branche übetragen, denn auch da sind in den Führungspositionen an vielen Stellen noch weiße cis Männer, die aus einer anderen Zeit kommen. Da ist intersektionaler Feminismus noch nicht in den Köpfen angekommen. Aber wir werden das schon noch ändern ;)


Ich möchte übrigens noch sagen: die Zeile „muss was im Schritt haben“ hab ich damals nicht gut durchdacht. Mittlerweile würde ich das anders formulieren, da es natürlich auch Frauen gibt, die „etwas im Schritt haben“ und es eine sehr binär gedachte Zeile ist, die nicht alle FLINTA mit einschließt. Das tut mir Leid.


Hast du einen Tipp für uns alle, wie wir aktiv was gegen dieses Problem tun können?


Ja. Darüber sprechen. Damit meine ich nicht nur in Kommentarspalten, wenn Festival XY mal wieder nur 10% FLINTA bucht, sondern generell überall. Nur wenn wir uns bewusst machen, wo überall FLINTA fehlen und strukturell benachteiligt werden, können wir wirklich etwas ändern. Dass Line Ups männlich dominiert sind, ist keine lustige Side Note, oder etwas, was man halt „nicht ändern kann“. FLINTA verdienen dadurch weniger Geld, werden weniger gesehen und haben weniger Erfolg. Ein Slot auf einem Festival ist nicht das Resultat einer Karriere, sondern oftmals auch ein Startschuss. Fast alle Gatekeeper-Rollen in der Musikbranche sind weiß und männlich besetzt, das kann sich nur ändern, wenn wir ein Bewusstsein fordern und das können wir nur fordern, wenn wir es auch selbst denken. Also einfach ganz viel drüber sprechen :)


Letztes Jahr hast du ja mit "Auf Augenhöhe" thematisch einen ähnlichen Song veröffentlicht. Warum hattest du ein Jahr später wieder das Gefühl diese Thematik ansprechen zu müssen?


„Auf Augenhöhe“ war ja mit einer Gleichberechtigungskampagne verbunden, die mich tatsächlich sehr viel Kraft gekostet hat. „Ich muss gar nichts“ hat mir diese irgendwie wieder zurückgegeben. Für mich ist „Auf Augenhöhe“ ein Versuch, Empathie beim Gegenüber auszulösen und „Ich muss gar nichts“ ist eher Befreiung und Selbstbestimmung.


Wenn du in diesem Moment eine Künstlerin als Headlinerin für ein Festival buchen könntest, wer wäre das und warum?


Kommt auf das Festival an. LEA, Jorja Smith, badmómzjay, Lizzo, Nura, Phoebe Bridgers, Juju und mich selbst haha.


Deine neue Single hat im Vergleich zu deinen bisherigen Singles einen ganz neuen Sound. Wie ist es dazu gekommen? Gab es eine bestimmte Inspiration?


Tatsächlich hab ich einfach den Synthie-Sound gefunden und fand den supi. Hab den einfach einprogrammiert, den Beat drunter gelegt und darauf den Song geschrieben. Das hat maximal eine Stunde gedauert. Groß Gedanken habe ich mir da nicht gemacht

und Einfüsse von Außen gab es auch nicht. Ich denke da spielt dann meine komplette musikalische Sozialisation mit ein, aber ich kann nicht sagen, ich hab zu der Zeit XY gehört und deshalb war ich davon inspiriert.


Gibt es Menschen die für die Entstehung deiner Songs besonders wichtig sind?


Auf meinem ersten Album hab ich noch alles komplett alleine geschrieben, aber jetzt öffne ich mich immer mehr auch mit Anderen zu schreiben. Es macht einfach mehr Bock, mit Menschen zusammen Musik zu machen :) „Auf Augenhöhe“ und „Ich muss gar nichts“ hab ich zwar allein gemacht, aber auf meinem neuen Album sind viele Songs auch zusammen mit anderen Leuten im Studio entstanden. Da ist dann natürlich die andere Person im Raum auch sehr wichtig für den Song.


Und jetzt last but not least, wenn du unseren Leser:innen noch etwas mit auf den Weg geben möchtest oder allgemein noch etwas loswerden möchtest, wäre jetzt der richtige Zeitpunkt dafür :)


Passt auf euch auf und falls ihr euch noch ungeimpft seid, schaut euch bitte die letzten 15 Minuten von Jako & Klaas an und hört Luisa zu. Das hat mich sehr bewegt.

Mir bleibt zum Schluss nur zu sagen, checkt unbedingt Antjes neue Single, aber auch unbedingt ihre alten Sachen aus und folgt ihr auf Instagram. Da gibt es vor allem guten Content, egal ob im Bezug auf Aufklärung in der Musikbranche, ein paar spannende Einblicke hinter die Kulissen oder einfach mal witziger Antje-Content. Außerdem verpasst ihr dann nicht den Release ihrer zukünftigen Songs, die bestimmt nicht allzu lange auf sich warten lassen.